Forumtheater – Theater der Unterdrückten: So hilfst du Kinder und Jugendliche zu Handeln.

Forumtheater – Theater der Unterdrückten: So hilfst du Kinder und Jugendliche zu Handeln.

Forumtheater ist der Klassiker des „Theater der Unterdrückten“, das Augusto Boal entwickelte. Es ermöglicht die Reflexion von Unterdrückungen und regt einen Diskurs auf theatralische Art an.

Augusto Boal war Regisseur und gilt als einer der Urväter der Theaterpädagogik. Mit seinem Theater der Unterdrückten hat er gleich mehrere Theatertechniken erarbeitet, die ich in einer Themenreihe näher erläutere.

Themen der Reihe sind:

Sobald ich ein Thema online gestellt habe, werde ich es hier verlinken.

In diesem Beitrag werde ich das Forumtheater vorstellen.

Was ist Forumtheater?

Beim Forumtheater spielt eine Gruppe von Schauspielern ein kurzes Theaterstück, das eine Unterdrückung darstellt. Beispielsweise eine Mobbing-Szene. Die Szene wurde vorher genau einstudiert und geprobt. Im Anschluss wird dieses Stück vor Publikum gespielt, dabei sollte das Stück nur eine Länge von wenigen Minuten betragen. Gleichzeitig hat das Publikum die Möglichkeit einzelne Schauspieler zu ersetzten, um so die Handlung zu ändern und gegen die Unterdrückung zu handeln. Jeder Zuschauer darf eine Rolle an einer bestimmten Stelle spielen und so den Verlauf des Stückes beeinflussen. Damit wird der Zuschauer zum Zuschauspieler (ein Wortmix aus Zuschauer und Schauspieler). Ist der Zuschauspieler mit seinem Lösungsvorschlag fertig, entscheidet das Publikum, ob die Unterdrückung noch existiert. Gemeinsam werden Lösungsmöglichkeiten gesucht.

Photo by Mike Tinnion on Unsplash

Theorie des Forumtheaters

In der Theorie des Forumtheaters werde ich die Ziele und die Wirkung des Forumtheaters skizzieren.

Ziele des Forumtheaters

Das Forumtheater basiert auf einem Theaterstück, das die Zuschauer verändern. Durch das Spielen eines Theaterstücks werden zum einen die Ungleichheiten und damit die Unterdrückung sichtbarer und zum anderen nehmen die Zuschauspieler die Unterdrückung viel stärker wahr.

Durch die Mitwirkung des Zuschauers im fiktiven Theaterstück verändert er auch sein Verhalten in der realen Welt. Dem Zuschauer wird klar, dass er die Situation ändern kann. Nicht nur auf der Bühne. Diese Selbstwirksamkeit empowert ihn zur Veränderung seiner Situation. Zuschauer sollten also auch immer die Menschen sein, die die Unterdrückung selbst spüren. Über das Konzept des Empowerments habe ich schon in diesem Beitrag geschrieben.

Die Wirkung des Forumtheaters

Durch das Handeln des Zuschauspielers kann das Publikum die Unterdrückung wirklich verstehen. Das Handeln als Zuschauspieler eröffnet ihm die Möglichkeit die Unterdrückung aus verschiedenen Blickwinkeln wirklich zu erleben. Es geht also nicht einfach darum zu sagen, man könne dieses oder jenes tun. Durch das Spielen des Lösungsversuches erlebt der Zuschauspieler die Unterdrückung und erkennt so viel eher die Tücken dieser Unterdrückung.

Dieses Nachspielen der Unterdrückung ermöglicht also insbesondere für den Zuschauspieler die Rekonstruktion der systematischen Mechanik, die in der Unterdrückung vorhanden ist. Die Alltagswelt des unterdrückten Menschen wird so nachempfunden und erfasst. Insbesondere das Erfassen ist hier der Schlüssel. Denn der Mensch erlebt die vielschichtigen Ebenen und löst damit verzerrte Bilder auf, die von der Realität abweichen. Dadurch entsteht eine ästhetische Lernerfahrung, die aus dem Abgleich von Realität und Alltag entsteht (Konstruktivismus).

Forumtheater in der Praxis

Wie muss die Schauspielgruppe vorbereitet werden und welche Regeln gelten bei der Präsentation des fertigen Theaterstücks? Die Antworten hierauf findest du nachfolgend.

Mit der Gruppe ein Stück entwickeln

Bevor ich ein Stück mit einer Gruppe entwickeln kann, brauche ich zuallererst eine Gruppe. Damit ist aber nicht einfach nur eine bestimmte Anzahl von Menschen gemeint, die sich regelmäßig trifft und übt. Wir brauchen ein Ensemble. Was du bei der Ensemblebildung beachten muss, habe ich schon in diesen Beiträgen erörtert: „Wie ich einen Zirkus- und Theaterkurs didaktisch aufbaue“ und „Gruppenverhalten und Gruppendynamik„.

Im Anschluss der Ensemblebildung sucht die Gruppe ein Thema, das sie bearbeiten und präsentieren möchte. Dieses Thema sollte eine politische oder gesellschaftliche Unterdrückung darstellen und von allgemeiner Relevanz sein. Helfen kann hier das Statuentheater.

Beim Statuentheater stellt entweder jeder für sich, oder alle zusammen ein Bild der Unterdrückung da. Hierzu stellt sich jede Person, wie eine Statue, in den Raum. Die Figur der Statue soll dabei möglichst genau die Unterdrückung symbolisieren und für jeden Erkennbar machen. Im gemeinsamen Diskurs modifiziert die Gruppe die Bilder so lange, bis alle mit dem Bild zufrieden sind.

Nach dem sich die Gruppe geeinigt hat, welche Unterdrückung sie darstellt und wie sie sich ausdrückt, arbeitet sie an der Veränderung. Was soll sich konkret an der Unterdrückung verändern, damit alle zufrieden sind? Gemeinsam ermittelt die Gruppe, was sich ändern muss. Wichtig ist, die Frage nach dem Was, das Wie, klärt später das Forum in der Vorstellung.

Erst jetzt zum Schluss arbeitet die Gruppe am eigentlichen Stück. Hier ist darauf zu achten, dass das Stück nicht absurd oder abstrakt ist. Auch die Rollen müssen klar definiert sein. Die Schauspieler müssen nicht nur die Handlungen der Rolle zu 100 % nachvollziehen können. Folgende Punkte muss der Zuschauer anhand der Rolle erkennen:

  • Intention
  • Gesellschaftlicher Status
  • Politische Einstellung
  • Arbeit
  • Handlung
Photo by Kelly Sikkema on Unsplash

Praktischer Ablauf des Forumtheaters

Der Ablauf des Forumtheaters bedarf viel Geschick. Um die Regeln abzuklären und das Publikum auf diese Form des Theaters einzustimmen, braucht es einen Moderator, den sogenannten Joker. Den genauen Ablauf werden wir nun gemeinsam Stück für Stück durchgehen.

Joker

Der Joker ist der Moderator und das Bindeglied zwischen dem Publikum und den Schauspielern. Er zeiht Schlussfolgerungen der Handlungen die auf der Bühne stattfinden, ohne das Publikum zu manipulieren. Dabei darf er nur offensichtliche Schlussfolgerungen zeihen.

Der Joker agiert sokratisch, jedoch formuliert er im Forumtheater Fragen, die als Antwort neue Fragen aufwerfen. Durch diese Fragen und Zweifel hilft der Joker dem Publikum ihre Gedanken zu sammeln und ihre Handlungen vorzubereiten. Wie in der Mäeutik verhilft der Joker so den Zuschauern die Erkenntnis selbst zu entdecken. Dabei findet keine Manipulation der Menschen statt.

Als Vermittler, zwischen Publikum und Bühne ist es auch die Aufgabe des Jokers bei Magische Handlungen einzuschreiten. Eine Handlung gilt als Magisch, wenn unrealistisch ist. Weil zur Lösung beispielsweise Technologien eingesetzt werden, die es noch nicht gibt; oder Befugnisse überschritten werden, die eine Rolle nicht haben kann.

Der Joker erklärt auch die Regeln des Forumtheaters und bereitet die Zuschauer auf ihre Rolle des Zuschauspielers vor. Dies gelingt am besten durch Aufwärmspiele.

Aufwärmspiele für die Zuschauer

Die Nachfolgenden Übungen sind von Augusto Boal. Es handelt sich hierbei um Zitate aus dem unten verlinkten Buch. Die Übungen folgen einer didaktischen Reihenfolge, weshalb ich empfehle die Spiele in dieser Folge durchzuführen.

1. Guten Tag
Mit diesem Spiel sollen die Barrieren zwischen den Zuschauern gelockert werden, was das Spielen vor fremden Personen erleichtern.

„Jede Person schüttelt einer anderen Person die Hand, wünscht ihr einen guten Tag oder guten Abend und nennt ihren eigenen Namen. Dabei darf sie die Hand der ersten Person nicht loslassen, bis sie die Hand einer weiteren Person ergriffen hat, um guten Tag oder guten Abend zu sagen.“

Zitiert nach: Baumann 2016, S. 153

2. Kreuz und Kreis
Wichtig im Theater ist die Motorik. Gespielt wird nicht nur mit der Stimme, sondern vor allem mit dem Körper. Der Körper spiegelt die ganze Rolle wider.

„Die Schauspieler (Zuschauer) werden gebeten, mit der rechten Hand einen beliebig großen Kreis in die Luft zu zeichnen. Das ist einfach und wird allen gelingen. Dann sollen sie mit der linken Hand ein Kreuz malen. Noch einfacher, auch das werden alle schaffen. Schließlich werden sie gebeten, beides zur gleichen Zeit zu tun. Das ist fast unmöglich!“

Zitiert nach: Baumann 2016, S. 125

3. Ja, ja, ja – Nein, nein, nein
Die Übung ist eine Rhythmusübung und damit eine klassische Sprachübung. Mit ihr wärmen wir die Stimme der Zuschauer auf und bereiten sie darauf vor, auf der Bühne zu sprechen. Ein Umstand, der für einen Zuschauer durchaus befremdlich sein kann, für einen Zuschauspieler jedoch nicht.

„Wenn (…) [der Joker] „ja“ sagt, antworten alle andere mit „Nein“. Wenn er „nein“ sagt, lautet die Antwort „ja“.“

Zitiert nach: Baumann 2016, S. 179f.

Jokerja, ja, ja
Publikumnein, nein, nein
Jokernein, nein, nein
Publikumja, ja, ja
Jokernein, ja, nein
Publikumja, nein, ja
Quelle: Baumann 2016, S. 179f.

Dieses Prinzip kann, neben ja/nein noch erweitert werden. Beispielsweise mit: hoch/runter, links/rechts. Auch Worte, die zum Thema passen, sind möglich. Damit ist die Erweiterung beliebig groß und variable.

Regeln

Wie in einer Diskussion sind auch beim Forumtheater Regeln notwendig. Gleichzeitig sind die Regeln im Konsens des Forums veränderbar.

Zu Beginn wird die Szene gespielt, danach haben die Zuschauer die Möglichkeit den Verlauf zu beeinflussen. Hierzu reicht es, wenn einer der Zuschauer „Stopp!“ ruft. Dieser darf dann einen Schauspieler ersetzten.

Am Anfang empfehle ich nur den Protagonisten auszutauschen. Im Prinzip können aber alle Rollen getauscht werden. Wichtig ist auch, dass jeder bis zum Ende spielen kann.

Der Schauspieler, der eingelöst wurde, verlässt die Bühne nicht, sondern steht dem Zuschauspieler helfend bei Seite. Er/Sie erklärt, wenn eine Handlung aus der Sicht der Rolle nicht nachvollziehbar ist. Beispielsweise würde wohl nie, ein Großgrundbesitzer den Sozialismus ausrufen, oder sein ganzes Hab und Gut verschenken.

Photo by Aaron Burden on Unsplash

Fazit

Das Forumtheater ermöglicht dem Menschen selbst auf Lösungswege zu kommen und entsprechend zu agieren. Damit agiert das Forumtheater im ressourcenorientierten Handlungsfeld.

Kritisiert wird das Forumtheater unter anderem, dass Zuschauer resignieren können. In diese Resignation kann der Zuschauer fallen, wenn das Theaterstück die Unterdrückung als Übermächtig darstellt und es eventuell zu keiner Lösung kommt. Möglich ist auch, dass die Lösung für ihn speziell nicht umsetzbar ist. Der Zuschauer kann so in ein psychisches Loch fallen, aus dem er sich mit eigener Kraft herausarbeiten muss, da es in der Regel keine Nachbetreuung gibt.

Fraglich ist auch, inwieweit die Lösungen, welche im Forumtheater erarbeitet wurden, in den Alltag integriert werden. Da für Boal das Forumtheater eine Probe zur Revolution in der Realität war. Im Forumtheater können Möglichkeiten erprobt werden, die auf die Realität übertragen werden sollen. Ob dies immer der Fall ist, bleibt offen.

Literatur

Im Zuge meiner Recherchen hat mir insbesondere das Buch von Till Baumann geholfen [(2016). Übungen und spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Augusto Boal. 2. Aktualisierte und erweiterte Ausgabe. Berlin: Suhrkamp Verlag].

In diesem Buch werden nicht nur alle Techniken von Boal erklärt und beispielhaft vorgetragen. Das Buch beinhaltet auch viele Spiele, die Augusto Boal selbst in seiner Arbeit verwendet hat.

Foto von Thalia

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