Die Zirkuspädagogik und ihr Konzept – Ziele, Strategien und Fördermöglichkeiten.

Die Zirkuspädagogik und ihr Konzept – Ziele, Strategien und Fördermöglichkeiten.

Dieser Beitrag könnte auch die Überschrift tragen, welche pädagogischen Möglichkeiten kann Zirkus bewirkten. Im ersten Teil befasse ich mich mit dem „Was“. Also was kannst du mit der Zirkuspädagogik erreichen und was sind die Ziele? Im zweiten Teil (Strategien und Maßnahmen) nähere ich mich dem „Wie“. Also wie kannst du diese angestrebten Ziele erreicht? Im letzten Teil gehe ich auf die Zirkuskünste und ihre individuellen Fördermöglichkeiten ein. Anhand dieses Teils kannst du deine Teilnehmenden noch gezielter unterstützen.

Ziele der Zirkuspädagogik

Die Zirkuspädagogik verfolgt das Ziel des Miteinanders. In einer Zirkusgruppe (Ensemble) agieren wir mit mehreren TeilnehmerInnen, die gemeinsam üben. Dabei können die Übungen allein durchgeführt werden, oder auch in Gruppen (zwei, drei, oder mehr Personen üben gemeinsam). Die Atmosphäre des Übungsraums, sowie das Erlernen der Künste an sich, sorgen für einen erlebnisreichen Raum.

Motorik

Mit diesen Fördermöglichkeiten verfolgen wir eine ganzheitliche Bildung des Menschen. Dabei setzen wir den Schwerpunkt unter anderem auf die Psychomotorik, also die Erkundung des eigenen Körpers und der eignen Persönlichkeit.

Spiellust anregen

Durch den erlebnispädagogischen Charakter ermöglichen wir deinen Teilnehmenden die Flucht aus dem Alltag und die Schaffung eines spannenden und interessanten Ereignisses, der sich an den Bedürfnissen meiner TeilnehmerInnen orientiert und die Spiellust der Menschen anregt. Siehe hierzu auch meinen Beitrag „Zirkus und Theater als Erlebnis

Kreativität

Wenn wir eine Aufführung mit den Teilnehmenden planen, lernen diese viele weitere wertvolle Kompetenzen. Mit der Choreografie einer Nummer regen wir die Kreativität der Teilnehmenden an. Gleichzeitig erweitern wir den Horizont, da die Teilnehmenden lernen, das Zirkusmaterial unterschiedlich zu verwenden.

Umgang mit Ängsten

Darüber hinaus stellt das Auftreten auf eine Bühne den Künstler/die Künstlerin vor große Herausforderungen. Auftrittsängste müssen überwunden werden, indem die Person vor ihrem Auftritt lernt, mit ihnen umzugehen. Dies stärkt unter anderem auch das Selbstbewusstsein. Den Umgang mit Ängsten lernen die Teilnehmenden auch beim Üben der Künste wie Einradfahren oder Kugelhaufen. Siehe hierzu weiter unten im Abschnitt Äquilibristik, oder in meinem Beistrag“Das Empowerment-Konzept„.

Sozialkompetenzen

Durch das gemeinsam üben und miteinander Spielen sind unsere Teilnehmenden gezwungen sich auf das Gegenüber einzulassen und sich zu reflektieren. Daher ist es immer Ratsam das gemeinsame Spielen anzuregen und zu fördern. Gleiches gilt für die Planung und Durchführung einer Vorstellung.

Photo by Felix Mittermeier on Unsplash

Strategie und Maßnahme in der Zirkuspädagogik

Wie können diese Ziele der Zirkuspädagogik erreicht werden? Welche Strategien kannst du umsetzten? Um eine maximale Förderung deiner Teilnehmenden zu ermöglichen, bekommst du hier nun 6 Strategien für die Umsetzung.

Ein Kurs ist ein Prozess

In der Zirkuspädagogik arbeiten wir prozessbegleitend. Demzufolge ist jedes Projekt, dass du begleitest ein offener Prozess mit ungewissem Ausgang. Die Arbeit kann sich zwar an einem Plan orientieren, gleichzeitig passt du ihn am Verlauf des Kurses an.

Im Mittelpunkt steht das Individuum

Im Sinne der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit holen wir jede Person individuell dort ab wo sie/er gerade steht. Damit nehmen wir nicht nur jeden als Individuum wahr, sondern sehen ihn als einzigartig und genial an. Unter einzigartig und genial verstehe ich, dass jeder etwas Besonderes ist und etwas Besonderes kann! Diese besonderen Merkmale müssen wir suchen und verstärken. Durch das Hervorheben der Stärken fördern wir die sozialen Kompetenzen und das Selbstbewusstsein.

Erschaffe einen wertfreien Raum

Der Prozess wird durch spiel-pädagogische Angebote angeregt. Diese Angebote ermöglicht uns das Erkennen der individuellen Stärken und die Entfaltung der Persönlichkeit. Um dies zu ermöglichen, schaffen wir einen wertfreien Raum. Im wertfreien Raum sind die gesellschaftlichen Zwänge ausgeklammert. Damit bekommt das freie Spiel eine stärkere Bedeutung und wir bewerten nicht in den Extremen zwischen gut und schlecht, sondern orientieren uns an der persönlichen Entwicklung jedes einzelnen.

Setze kreative Reize

Dieser erschaffene Raum fördert zum einen die persönliche Entfaltung, und zum anderen die Kreativität. Neben den kreativitätsfördernden Bedingungen gibt es noch weitere Möglichkeiten die Teilnehmenden hierin zu unterstützen. So könne Assoziationen mit Bildern, Musik oder das einfache Abschauen anderer Darbietungen die Entwicklung der kreativen Fähigkeiten fördern. Gleichzeitig achten wir darauf, kreative Übungen nicht vorzumachen. Denn das Vorzeigen möglicher Lösungen der kreativen Aufgabe unterbindet die Entfaltung der eigenen Ideen und Vorstellungen.

Eines nach dem anderen

Manchmal kann es sein, dass deine Teilnehmenden mit der Vielzahl der Angebote aus der Zirkuspädagogik überfordert sind. Daher gebe ich im Laufe eines Kurses das Zirkusmaterial nur nach und nach frei. Das bedeutet zum Beispiel, dass du am ersten Tag drei Zirkusmaterialien zur Verfügung stellst. am zweiten Tag kommen zu den drei Materialien aus dem ersten Tag noch weitere drei hinzu und am zweiten Tag den Rest.

Die Menge und was du bereitstellst, ist unterschiedlich und kann variieren. Du kannst das Material auch nur Stundenweise zur Verfügung stellen. Diese Strategie verhindert aber, dass deine Teilnehmenden das Material in die Hand nehmen es kurz ausprobieren und dann schnell wieder zum Nächsten wechseln.

Schaffe Raum zur eigenen Darstellung

Gebe deinen Teilnehmenden die Möglichkeit ihre Künste zu präsentieren. Wenn wir jedem die Möglichkeit geben vor der Gruppe seine Künste zu zeigen, ist dies eine gute Übung für eine Vorstellung, gibt uns einen guten Überblick über die Entwicklung der Gruppenmitglieder und fördert den Zusammenhalt der Gruppe. Idealerweise sollte jeder mal allein vor der Gruppe gestanden habe. Damit fördern wir auch das Selbstvertrauen.

Workshop der Zirkusschule Kokolores in Obertal

Die Fördermöglichkeiten der Zirkuskünste

Jede Kunst in der Zirkuspädagogik kann eine bestimmte Förderung erzielen. Unterschieden werden kann hier zwischen Akrobatik, Handgeschicklichkeiten (Jonglieren) und Äquilibristik (Balancieren).

Akrobatik

In der Akrobatik lernen deine Teilnehmenden die Körperbeherrschung. Das exakte anspannen von gezielten Körperpartien, die bei der Durchführung einer akrobatischen Figur nötig sind, ist die hohe Kunst der Akrobatik.

Körperspannung und das richtige Einschätzen dieser Anspannung einer sind hier essenziell. Ich muss also wissen, wann ich welches Körperteil in welcher Intensität anspanne. Spanne ich eine Körperpartie zu sehr an, verbrauche ich zu viel Energie, spanne ich nicht genug an, hält die Figur nicht.

Neben der eigenen Krafteinschätzung lernen die Teilnehmenden – besonders in der Partnerakrobatik – einen respektvollen Umgang, die richtige Körperhaltung, sowie den Aufbau einer engen und vertrauensvollen Beziehung.

Respekt

In der Partnerakrobatik werden Figuren gemeinsam gestaltet. Hierzu steigt die eine Person oft auf die andere. Dabei bedarf es einen respektvollen Umgang miteinander, da der Akrobatik-Partner immer noch als Mensch wahrgenommen werden muss und nicht als „Kletterobjekt“ wahrgenommen werden darf.

Körperhaltung

Aufführung von Diversity Gemeindefest der ev. Kirchengemeinde

Die Akrobaten erleben ihren Körper in unterschiedlichsten Positionen zur Erdanziehung wahr. Dabei lernen sie ihren Körper in diesen unterschiedlichen Positionen zu kontrollieren. Das Erlebnis der oben beschriebenen Körpererfahrung von Körperspannung, -kraft und Zeit in Kombination mit unterschiedlichen Körperlagen stellt den Akrobat immer wieder vor neuen Herausforderungen.

Beziehung

Die Beziehung der Akrobaten festigt sich durch das Zusammenspiel. Die Akrobaten müssen ihrem Gegenüber vertrauen, da die andere Person sie entweder hält, oder trägt. Außerdem müssen sich die Akrobaten zeitlich aufeinander abstimmen und ein gemeinsames Gleichgewicht finden. Dies geht nur in einer koordinierten und abgestimmten Teamarbeit.

Handgeschicklichkeiten

Zu den Handgeschicklichkeiten gehört das Jonglieren mit Bällen, das Spielen eines Diabolos, das Drehen eines Jungtiertellers u.ä. Also alles was mit den Händen gespielt wird.

Dieser Mann zeigte mir an einem Workshop voller Stolz, dass er einen Teller andrehen kann.

Mit den Handgeschicklichkeiten wird das Zusammenspiel zwischen Körper und kleineren Geräten geübt. Die Teilnehmenden erleben ihre Körperkräfte verfremdet, da sie ihre Kraft mit Hilfsmitteln auf ein Objekt ausführen. Zum Beispiel wird ein Teller mithilfe eines Stabes angedreht, während der Stab an sich per Hand angedreht wird. Nur die Jonglage wir direkt ausgeführt.

Mit den Handgeschicklichkeiten förderst du bei deinen Teilnehmenden den Rhythmus, Bewegung und die Konzentration. Die nachfolgenden Beispiele resultieren vor allem aus der Dreiball Jonglage. Die gleiche Förderung ist aber auch mit anderen Künsten, aus der Gruppe der Handgeschicklichkeiten, möglich.

Rhytmus

Um eine Dreiballjonglage fließend auszuführen, bedarf es einem Rhythmusgefühl. Denn nur wenn ich es schaffe die Bälle im gleichen Zeitabstand zu werfen, sieht die Bewegung fließend aus.

Bewegung

Mit den Handgeschicklichkeiten fördern wir nicht nur die Bewegung der Hände, sondern auch des ganzen Körpers. Denn ich kann in mehrere Positionen jonglieren. Nicht nur im Stehen, sondern auch im Sitzen, Liegen usw. Es muss auch nicht statisch sein, du kannst auch während der Jonglage tanzen.

Konzentration

Das Jonglieren fördert nicht nur die Denkleistung, sondern auch die Konzentration. Der Jongleur konzentriert sich über eine längere Zeit auf das Üben mit drei Bällen. Dies kann solche Ausmaße annehmen, dass du sogar hin und wieder mal zur Pause anregen solltest und deinen Teilnehmenden eine andere Beschäftigung geben solltest.

Äquilibristik

Äquilibristik ist die Kunst des Balancierens. Dazu gehören die Künste wie Einradfahren, Kugellaufen, oder das Laufen über ein Balanceseil.

Mit der Äquilibristik fördern wir das Gleichgewicht unserer Teilnehmenden, verbessern ihr Körpergefühl und den Umgang mit Ängsten.

Gleichgewicht

Eine Mutter hilft ihrem Kind über dem Balanceseil am Tag der offenen Tür der Zirkusschule Kokolores

Mit dem Balancieren findet die Teilnehmerin/der Teilnehmer seine innere Mitte. Wie ein innerer Lot richtet der Teilnehmende seinen Körper senkrecht zum Boden auf. Nur so kann er das Gleichgewicht halten. Ein wichtiger Aspekt, da Körperhaltung im Sinne der Psychomotorik einen Einfluss auf unsere körperliche und seelischen Gesundheit hat. Darüber hinaus wirkt eine gerade Körperhaltung selbstbewusster auf unser Umfeld.

Körpergefühl

Durch das Finden der inneren Mitte verbessert sich mein Körpergefühl. Das Gleichgewichtsorgan wird stark gefordert und gefördert, was wiederum den Kontakt zum Boden im Alltag verbessert. Der Mensch erdet sich und verbessert so seinen Kontakt zum Boden.

Ängste

Das Laufen über ein Drahtseil oder auf einer Kugel verlangt von den Teilnehmenden besonders viel Mut. Der unsichere Boden und das Verlieren von Halt sind Ursache für diese Angst. Mit einer vertrauensvollen Begleitung und Sicherung gelingt es in der Regel, dass die Teilnehmenden lernen mit dieser Angst umzugehen und so mehr Selbstvertrauen aufbauen.

Weltkindertag am Deutsch-Französischen-Garten in Saarbrücken mit der Zirkusschule Kokolores

Fazit

Ich hoffe, dass ich dir in diesem Beitrag das Konzept der Zirkuspädagogik näher bringen konnte. Durch den ersten theoretischen Teil, der die Ziele und die Strategien näher brachte, solltest du nun in der Lage sein, die Zirkuspädagogik mehr zu verstehen.

Diese allgemeine Strategie aus dem ersten Teil vertiefte ich dann in den Künsten. Damit solltest du nun in der Lage sein, die einzelnen Künste besser einzusetzen, um so eine gezielte Förderung zu ermöglichen. Solltest du also mit Klientinnen und Klienten arbeiten, die vor besonderen Herausforderungen stehen, kannst du nun die richtige Unterstützung anbieten.

Solltest du noch Fragen haben, oder irgendetwas unklar sein, kannst du gerne die Kommentarfunktion nutzen. Ich antworte innerhalb von zwei Werktagen.

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