Der Regenbogen der Wünsche – Theater der Unterdrückten: So löst du Blockaden im Kopf

Der Regenbogen der Wünsche – Theater der Unterdrückten: So löst du Blockaden im Kopf

Der Regenbogen der Wünsche ist eine Technik mit der Augusto Boal die inneren Blockaden der Menschen abbaute. Im Laufe seiner Arbeit erlebte Boal immer wieder, dass die Menschen eine Unterdrückung nicht erkannten. Es war ihnen nicht möglich, da die Unterdrückung schon zum Alltag des Menschen geworden war. Der Menschen selbst verinnerlicht die Unterdrückung und schränkt sich so selbst ein.

Augusto Boal verband – Aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen – Unterdrückungen oft mit institutionellen Einrichtungen wie die Polizei und das Militär. Da sich die Unterdrückung der Menschen im Kopf abspielt, gab er ihr den Namen „der Polizist im Kopf“.

Mit dem Regenbogen der Wünsche werden die inneren Konflikte und die Unterdrückungsmechanismen dekodiert und ins Zentrum des Spiels gerückt. Mit der Veränderung des Blickwinkels, ist der Mensch nun in der Lage die Unterdrückung zu erkennen und Lösungsansätze zu finden. Die Lösung wird am Schluss spielerisch ausprobiert. Der Regenbogen der Wünsche knüpft am Statuentheater an, weshalb es empfehlenswert ist, diese Technik zu kennen, bevor du weiter liest.

*In diesem Artikel verwende ich den „Gender-Stern“. Es sollen sich bitte alle Menschen angesprochen fühlen!

Wenn du den Inhalt des Textes lieber hörst, an statt zu lesen, kannst du dir hierzu auch meine Podcastfolge anhören

Theater der Unterdrückten

Der Regenbogen der Wünsche ist eine Theaterform des „Theater der Unterdrückten“. Entwickelt wurde es von Augusto Boal und ist damit ein Teil der Reihe des „Theater der Unterdrückten“.

Augusto Boal war Regisseur und gilt als einer der Urväter der Theaterpädagogik. Mit seinem Theater der Unterdrückten hat er gleich mehrere Theatertechniken erarbeitet, die ich in einer Themenreihe näher erläutere.

Themen der Reihe sind:

Photo by Markus Spiske on Unsplash

Der Polizist im Kopf

Um den Regenbogen der Wünsche zu verstehen, muss zunächst die Ursache der Unterdrückung ermittelt werden. Wer oder Was ist also der Polizist im Kopf. Die Unterdrückung findet durch eine Internalisierung im eigenen Kopf statt. Auf den Begriff der Internalisierung gehe ich später noch ein – kurz gesagt, handelt es sich hier um Glaubenssätze, die sich aus dem Alltag etabliert haben.

Um diese Glaubenssätze abzubauen, arbeitet Boal mit introspektive (der Blick in uns selbst) Techniken, die induktiv (vom Einzelnen auf das Ganze) die Unterdrückung hinterfragen und aufschlüsseln.

Die Introspektion – der innere Regenbogen

Die Introspektionsfähigkeit ist die Fähigkeit ausreichend über sich selbst nachzudenken. Daher befähigt die Introspektion den „Blick in uns selbst“. Also sind wir in der Lage unsere Gefühle, Empfindungen und bildhaften Eindrücke zu erkennen und benennen zu können.

Die introspektive Technik wird vor allem genutzt, um die wahre Natur des Polizisten besser zu verstehen. Im Abschnitt „der Regenbogen der Wünsche“ beschreibe ich diese Technik näher. Die introspektive Technik macht den inneren Blick für die ganze Gruppe sichtbar. Dann kann die Gruppe die Unterdrückung kenntlich machen. Dadurch können die Beteiligten Abläufe probieren, die die Unterdrückung überwindet.

Doch bevor wir die Unterdrückung überwinden, müssen wir sie kennen. Wie entsteht die Unterdrückung und wie soll sie sich verändern?

Internalisierung – Wie entsteht der Polizist im Kopf?

Unser Alltag ist geprägt von Normen und Werten. Diese Normen und Werte gelten für uns als Gegeben und werden nur selten hinterfragt. Da wir das Wissen aus unserem sozialen Umfeld adaptieren. Dies beeinflusst den Verlauf der Kognitiven Entwicklung des Menschen. Unsere Entwicklung ist also von unserem sozialen Umfeld bestimmt. Unser Umfeld beeinflusst (un)bewusst unsere Wahrnehmung und unser Wissen.

Diese Beeinflussung ist nicht nur ein Phänomen des naheliegenden Umfelds einer Person, sondern auch kulturell bedingt. Denn die Kultur nimmt maßgeblich Einfluss auf unsere Werte und Normen. Die Beeinflussung durch Kultur und Gesellschaft resultiert aus dem logischen Denken des Menschen. Wir denken in der Regel deduktiv. Deduktives Denken bedeutet, dass der Mensch seinen „Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere“ (Aristoteles) schießt.

Das deduktive Denken kann am besten an einem Beispiel erklärt werden. Die Kette des logisch-deduktiven Denkens verläuft in drei Schritten ab:

  1. Erste Prämisse:       Alle Ehefrauen sind Hausfrauen.
  2. Zweite Prämisse:    Hausfrauen kümmern sich um den Haushalt.
  3. Schlussfolgerung:   Ich bin eine Ehefrau, also kümmere ich mich um den Haushalt.

Damit ich überhaupt kritisch über diesen Mechanismus der Internalisierung nachdenken kann, muss ich über entsprechende Kommunikationsfähigkeiten verfügen. Ich muss Fragen verstehen, Antworten geben können und in der Lage sein, Gefühle richtig zu benennen. Darüber hinaus muss ich das formal-operative Entwicklungsstadium (Jean Piaget) erreicht haben. Denn der Regenbogen der Wünsche geht den umgekehrten (induktiven) Weg. Ich frage also, muss ich mich als Ehefrau um den Haushalt kümmern? Wir gehen also vom Einzelnen zum Allgemeinen.  

Kritische Auseinandersetzung

Jean Piaget war Psychologe und hat vier Entwicklungsstufen entwickelt, die jeder Mensch bis zum Erwachsen werden durchläuft.

Das formal-operative Stadium ist die letzte Stufe der Entwicklung des Menschen vom Kind zum Erwachsene. Dieses Stadium tritt in der Regel ab dem 11 Lebensjahr ein. Ab dann ist der Mensch in der Lage abstrakt zu denken und die eigene Realität zu hinterfragen. Diese Eigenschaft ist wichtig für die Pubertät und ermöglicht die Ablösung von den Eltern.

Für uns ist wichtig zu verstehen, dass er Mensch zum einen ab jetzt in der Lage ist die Beeinflussung des Umfeldes kritisch zu hinterfragen. Vorher ist dies evolutionär noch nicht möglich. Damit schließen sich die Technik, die noch folgt, für Kinder unter 11 Jahren aus.

Um den Polizisten im Kopf enttarne zu können, reicht die Fähigkeit sich kritisch auseinanderzusetzen nicht aus. Wir müssen in unser Innerstes blicken, um zu verstehen, was wir wollen. Damit die Ehefrau ihre Rolle infrage stellen kann, muss sie die Alternative zum Haushalt kennen. Es ergibt keinen Sinn, die Rolle der Ehefrau zu kritisieren, wenn sie sich darin wohlfühle. Darüber hinaus muss sie auch wissen, wie ihr Idealbild der Ehefrau aussieht.

Photo by Erik Brolin on Unsplash

Der Regenbogen der Wünsche

Der Regenbogen der Wünsche ist eine Sammlung von Theatertechniken, die Augusto Boal im gleichnamigen Buch veröffentlicht hat. Darin zeigt er verschiedenen Methoden (Theaterspielen, Beobachtungen und szenische Beiträgen) mit denen der Mensch seine Interessen erkennt. Dadurch klären sich innere Konflikte und Blockaden lösen sich auf. Gleichzeitig verarbeitet die Person Erlebtes.

Im Regenbogen der Wünsche spricht Augusto Boal vom Protagonisten und Antagonisten. Die Protagonistin* ist immer die Person, die eine Unterdrückung bearbeiten möchte. Die Antagonistin ist (sind) die Person(en), die die Unterdrückung ausführen.

Durch die Übungen der Regenbogen der Wünsche kann die Protagonistin* ihre diffusen Emotionen und Bedürfnisse ordnen. Nachdem die Protagonistin* ihren Pool an Wünschen, Emotionen und Bedürfnissen geäußert hat – also der Regenbogen mit all seinen vielen Farben steht, helfen die Mitspielerinnen* dieses Spektrum der Wünsche auszuloten. Im Anschluss wird gemeinsam das zentrale Interesse erkundet.

Danach findet ein Wechsel statt. Die Protagonistin* nimmt den Blick der Antagonistin* ein.

Durch diesen Perspektivwechsel schärft die Protagonistin* den Blick für die Gegenseite. Sie kann die Assoziationen des jeweiligen Gegenspielers erkennen, während die Gruppe das Verhalten der Antagonistin* reflektiert. Durch diese Reflexion verhindert die Gruppe „Magisches“ (unrealistische Ereignisse).

Mit der Klärung der Wünsche und Interessen, sowie dem Perspektivwechsel kann die Verhaltensänderung in Improvisationsspielen erprobt werden.

Photo by Ankhesenamun on Unsplash

Die Technik „der Regenbogen der Wünsche“

Es gibt mehrere Techniken beim Regenbogen der Wünsche. Um das Prinzip zu verdeutlichen, stelle ich hier die Übung mit dem Namen „Regenbogen der Wünsche“ vor.

1.    Analytisches Bild der Protagonistin

Die Protagonistin stellt ihr Thema vor und „erfindet“ fünf verschiedene Bilder (Statuentheater), die ihre Wünsche und Bedürfnisse innerhalb dieser Unterdrückung darstellt. Die Bilder spiegeln wider was der Protagonistin für diese Szene wichtig ist. Fünf Teilnehmende spiegeln dies Bilder.

2.    Finden der Haltung – Einfarbiger Regenbogen

Aus den verschiedenen Bildern wird mit der Antagonistin* zusammen ein Gesamtbild erstellt. Dieses Bild spiegelt den Konsens der Gruppe wider. Damit haben wir die verschiedenen Wünsche und Bedürfnisse der Protagonistin* in einem Gesamtbild zusammengefasst. Die Protagonistin beobachtet diesen Vorgang, greift aber nicht ein. Das Bild entsteht allein aus dem, was die Teilnehmenden in den Bildern der Protagonistin* gesehen haben. Eine Korrektur verfälscht das Ergebnis.

3.    Perspektivwechsel

Die Protagonistin nimmt die Position der Antagonistin ein*. Von hier aus kann sie beobachten, wie die Antagonistin auf sie blickt. Damit konnte die Protagonistin* nun drei Ansichten einnehmen: Ihre, eine Außensicht und die der Antagonistin*

4.    Re-Improvisation der Szene

Die Protagonistin* hat nun ihren inneren Konflikt bearbeitet. Die Person hat nun Klarheit über ihre Wünsche und Bedürfnisse. Durch die Perspektivwechsel hat sie einen Überblick und kann ihr Verhalten reflektieren und verändern. In Improvisationsspielen wird die Veränderung durchgespielt, verinnerlicht und angepasst.

Es sollte klar sein, dass dieser Ablauf in der Regeln nicht so linear verläuft, wie ich ihn hier beschrieben habe. Diese Methode ist ein Prozess der Zeit und Geduld von allen Beteiligten braucht.

Photo by Loris Tissino on Unsplash

Was bleibt vom Regenbogen

Der Regenbogen der Wünsche ist wohl die intensivste Technik aus dem Theater der Unterdrückten. Diese Technik sollte ausschließlich mit erfahrenen Spielleitern, Pädagogen und Psychologen benutzt werden. Denn zum einen muss darauf geachtet werden alle Beteiligten nicht zu überfordern. Zum anderen betreten wir mit dem Regenbogen der Wünsche das therapeutische Arbeitsfeld. Aus diesem Grund kann die Technik nicht einfach mal so an einem Wochenende genutzt werden, ohne die Beteiligten danach zu begleiten. Ich sprach schon davon, dass diese Technik ein Prozess ist und Zeit und Geduld benötigt. Mit den Beteiligten das Innere zu betreten, ohne sie im Nachhinein über einen längeren Zeitraum zu betreuen, halte ich für verantwortungslos.

Umso mehr interessiert mich, ob du diese Methode einmal angewendet hast, oder dir Vorstellen kannst sie anzuwenden. Teile uns bitte deine Erfahrungen mit und hinterlasse einen Kommentar.

Buchempfehlung

Bis her habe ich immer nur Bücher empfohlen, die ich selbst schon gelesen habe. Dieses Buch wird das erste Buch sein, dass ich selbst aufgrund einer Rezension empfehlen werde.

Gleichzeitig möchte ich auch Warnen. Die Reihe „Lingener Beiträge zur Theaterpädagogik“ ist keine leichte Kost. Ich bin selbst stolzer Besitzer eines anderen Buches dieser Reihe und es vollgepackt mit Fachbegriffen und Verschachtelten Sätzen. Es ist also keine Lektüre, die mal nebenbei gelesen wird.

Gleichzeitig ist mir nicht bekannt, dass es ein anderes Buch gibt, welches den Regenbogen der Wünsche näher erläutert. Aus diesem Grund überlasse ich es dir, ob du es dir kaufen möchtest, oder nicht.

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