Das Empowerment-Konzept – So stärkst du Kinder und Jugendliche.

Das Empowerment-Konzept – So stärkst du Kinder und Jugendliche.

Mit der Zirkusschule Kokolores begleite ich des Öfteren ein offenes Zirkusangebot. Dieses Mal waren wir auf dem Vorplatz des Staatstheaters. Dort war ein Fest und wir boten unser Angebot an, neben vielen anderen Ständen. Unter den vielen Besuchern war auch ein Rollstuhlfahrer, der versuchte einen Teller auf einem Stab anzudrehen. Als es ihm nicht gelang, fragte ich ihn, ob ich ihm helfen dürfe. Als er einwilligte, gab ich ihn einige Tipps und Tricks. Doch der Teller fiel ihm immer wieder auf den Boden und er gab schnell auf. Ich ermutigte ihn es weiterzuprobieren und zum Ende gelang es ihm dann auch.

Dieses Beispiel steht für das Empowerment-Konzept, das ich dir hier erkläre. Darüber hinaus zeige ich dir, wie du es in deinem Zirkus- oder Theaterkurs einsetzten kannst. Dabei beachte ich, welche Möglichkeiten du hast und worauf du achten solltest. Neben der Theorie, erkläre ich das Konzept an Beispielen aus der Praxis. Darüberhinaus agiert das Empowerment-Konzept auch auf dem Prinzip der Partizipation. Mehr darüber erfährst du in diesem Beitrag.

Die Theorie des Konzepts

Das Empowerment-Konzept setzt auf dem Prinzip der Selbstwirksamkeit an. Dabei wird davon ausgegangen, dass ein Jeder über diese Selbstwirksamkeitskräfte verfügt. Durch die Aktivierung und Stärkung dieser Kräfte, kann der Mensch ein autonomes, selbstbewusstes Leben führen. Daher ist es wichtig, dass diese Kräfte (auch Ressourcen genannt) im Menschen entdeckt werden. So ist dieser in der Lage eigenmächtig für seine Wünsche und Forderungen eintreten.

In der ressourcenorientierten Sozialen Arbeit mache ich mich auf die Suche nach den Stärken meines Gegenübers. Dabei ist es wichtig, wirklich alle Ressourcen wahrzunehmen. Demnach müssen wir schon kleinste Erfolge sehen und sie nicht als Selbstverständlichkeit hinstellen. So kann es zum Beispiel ein Erfolg sein, wenn dein Gegenüber einen Ball mit zwei Händen fangen kann, oder er einen Text selbstständig lesen kann, auch wenn dies ihm nur sehr langsam und nicht fehlerfrei gelingt.

Das Empowerment-Konzept ist kein geradliniger Ablauf, sondern ein dynamischer Prozess. Mit Umwegen, Entmutigungen und Rückschritten begleiten wir den Menschen durch diesen Prozess. Mehr als Begleiten ist jedoch nicht möglich, mit Zwang kommst du hier nicht weiter. In Bildern gesprochen kann gesagt werden: Wir zeigen dem Gegenüber die Tür, durchgehen muss die Person schon selbst. Ressourcenorientiertes Arbeiten bedeutet aber auch nicht Schwächen zu verdecken, oder schönzureden. Die Schwächen müssen genauso erkannt und benannt werden, wie die Stärken. Auf beides soll angemessen reagiert werden.
Mehr über die Theorie des Empoerment-Konzepts erfährst du auf Empoerment.de.

Die praktische Umsetzung mit Zirkus- und Theaterpädagogik

Um dir anschauliche Beispiele und Tipps für das Empowerment-Konzept geben zu können, wirst du im Folgenden sehen, wie ich die Theorie in der Praxis umsetzte. Für den Bereich der Zirkuspädagogik werde ich auf die Anfangsgeschichte eingehen. Am Beispiel eines Textes, kannst du die Praxis in der Theaterpädagogik erkennen.

Zirkuspädagogik

Zirkusstand bei BO B
Der Zirkusstand der Zirkusschule Kokolores beim Fest „Begegnung ohne Barriere“ in Saarbrücken

Als der Mann im Rollstuhl zu Beginn versuchte den Teller zu drehen, hielt ich mich noch zurück. Ich ließ ihn machen und hob ihm auf seine Bitte den Teller auf, damit er es erneut versuchen konnte. Ich stärkte also seine Selbstwirksamkeit. Er selbst konnte Wirken, in dem er einen Teller drehte und ich unterstützte ihn lediglich dabei. Als er aufgeben wollte, ermutigte ich ihn es weiterzuprobieren und fragte ihn, ob ich ihm Tipps geben dürfe. Ich ermöglichte ihm damit seine Wünsche selbst zu äußern und stärkte seine Ressourcen. Immer wieder bestärkte ich ihn es weiter auszuprobieren. Ich begleitete ihn also in seinem Prozess. Durch das immer wieder ausprobieren, ermöglichte ich ihm sich Stück für Stück stetig zu verbessern. Damit stärkte er selbst seine eigenen Ressourcen.

Seinen Wunsch den Teller zudrehen unterstützte ich auch, in dem ich für den Mann immer wieder den Teller aufhob. Es war für ihn sicherlich kaum möglich den Teller eigenständig aufzuheben. Ich erkannte damit seine Schwächen und reagierte auch darauf. Er selbst benannte sogar seine Schwäche, in dem er mich zu Beginn bat den Teller aufzuheben. Natürlich hätte ich ihm auch zeigen können, wie er selbst den Teller aufheben kann. In diesem Moment er aber lernen ein Teller an zu drehen und nicht ihn aufzuheben. Darüber hinaus, hätte es ihn überfordern können, beides gleichzeitig zu lernen.

Theaterpädagogik

Am Beispiel des Textlernens möchte ich dir die Umsetzung des Empowerment-Konzepts mit der Unterstützung der theaterpädagogischen Methode erläutern.

Es passiert immer wieder, dass eine Theatergruppe Texte mit nachhause bekommt, die sie dann zu Hause lernen sollen. Wenn der nächste Probentag wieder ansteht, merkt man jedoch, dass nicht alle den Text gelernt haben. Aus welchen Gründen auch immer. Auch nach mehrmaligen Bitten, Schafen es nicht immer alle, den Text zu Hause zu lernen. In diesem Fall gehe ich dazu über, den Text nicht mehr mitzugeben, sondern ihn in den Probe zu lernen. Hierfür gibt es viele Spielmöglichkeiten.

Aber nun zurück zum Empowerment-Konzept. Wenn ein, oder einige Teilnehmenden keinen Text lernen, bring es wenig den betroffenen Personen Vorwürfe oder Ähnliches zu machen. Im Rahmen des Empowerment-Konzepts sollte viel eher überlegt werden, wo die Ressourcen deiner Teilnehmenden liegen. Diese scheinen ja offensichtlich darin zu liegen, dass sie (1) gerne Theaterspielen und (2) gerne an deinem Kurs teilnehmen möchten. Für beide Punkte gilt, wäre dies nicht der Fall, würden sie ja nicht kommen. Sondern würden vielleicht sagen, ich habe den Text nicht gelernt, also bleibe ich zu Hause.

Frau schreibt einen Text
Workshop in der Theaterwerkstatt-Heidelberg. Thema Textschreiben.

Also steckt in der Spiellust des Theaters eine Ressource. Mit dem Fokus ihrer Stärken und ihrer Wünsche begleitest du nun die Gruppe im Prozess. Du ermutigst die Gruppe, dass sie den Text auch hier lernen können. Du schaust also in die Struktur deines Kurses und überlegst, wo es Möglichkeiten gibt, den Text zu lernen. Meistens reichen hier 10 bis 20 Min. Im Weiteren Verlauf deines Kurses lernen sie durch die Anwendung des Textes ihn ja auch immer wieder.

Ansprechen kannst du die Schwächen aber dennoch. Und es ist auch notwendig. Aber auch beim Benenn der Schwächen sollten wir immer Ressourcenorientiert sein. Also nicht sagen: „Ihr bekommt die Texte jetzt nicht mehr mit nach Hause, weil Peter den Text nicht zu Hause lernt“. Verwende stattdessen besser die Worte: „Wir lernen die Texte jetzt hier, damit jeder auf dem gleichen Stand ist“. Und genau das ist ja das Ziel. Denn was wir eigentlich wollen ist, dass jeder seinen Text kann und damit jeder spielen kann. Und nicht, dass einige Personen ihre Texte können und andere nicht.

Das Fazit

Abschließend kann gesagt werden, dass wir mit dem Empowerment-Konzept Menschen in Mehrfacher weise Unterstützen können. Wir fördern und unterstützen Menschen in ihrer Entwicklung zur Selbsthilfe. Anhand der Beispiele habe ich dir gezeigt, wie du Menschen stärkst. Mit der Unterstützung und Förderung ihrer eigenen Fähigkeiten, sowie das Herausfinden neuer Fähigkeiten, ist der Mensch in der Lage seine Potenziale zu erkennen. Diese Erkenntnis kann der Mensch auf seinen Alltag übertragen, auch hier braucht er meistens Unterstützung. Im Theater haben wir erlebt, wie eine Gruppe sich gegenseitig unterstützen kann. Beim gemeinsamen Spielen können Defizite und Schranken abgebaut werden. Schwächen können so zu stärken führen. Wie in unserem Beispiel gezeigt, kann die Gruppe sich durch das Lernen des Textes während des Kurses gegenseitig unterstützen.

Überlege nun, wo du das Konzept in früheren Kursen hättest benutzen können und welche Veränderungen hätte es vielleicht bringen können. Überlege, wie du deinen Teilnehmenden in Zukunft Stärken kannst.
Auf der Seite der Theaterwerkstatt findest du eine wissenschaftliche Arbeit über Empowerment in der Theaterpädagogik.

Buchempfehlung

Empowerment ist ein ressourcenorientiertes Konzept der psychosozialen Arbeit, das die Stärken der Menschen bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen in den Mittelpunkt stellt. Handlungsziel der Empowerment-Praxis ist es, die vorhandenen Fähigkeiten der Adressaten sozialer Dienstleistung zu autonomer Alltagsregie und Lebensorganisation zu kräftigen und Ressourcen freizusetzen, mit deren Hilfe sie die eigenen Lebenswege selbstbestimmt gestalten können. Das Buch bietet eine leicht verständliche Einführung in Theorie und Praxis des Empowerment in der Sozialen Arbeit. Die vielfältigen Methoden, die in der Empowerment-Praxis zum Einsatz kommen, werden ausführlich dargestellt: Ressourcendiagnostik, Unterstützungsmanagement, Ressourcenorientierte Beratung, Biographischer Dialog, Netzwerkarbeit sowie Organisationsentwicklung. Positionsbestimmungen zur aktuellen Debatte über die veränderte professionelle Identität der Sozialen Arbeit im Zeichen des Empowerment runden das Buch ab.

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