Ästhetische Bildung – So förderst du die Sinne bei Kindern und Jugendlichen.

Ästhetische Bildung – So förderst du die Sinne bei Kindern und Jugendlichen.

Ästhetik findet ständig in unserem Alltag statt. Morgens stehen wir auf und gehen ins Bad, um uns die Haare zu stylen. Danach ziehen wir unsere Klamotten an und fahren mit dem Auto auf die Arbeit. Dies alles ist ästhetisches Verhaltens und eine ästhetische Wahrnehmung. Wir stylen unsere Haare und ziehen Kleidung an um eine Wirkung zu erzeugen. Viele Menschen drücken sich mit ihren Frisuren, der Kleidung und der Marke ihres Autos aus und senden damit auch eine Botschaft. Bewusst, oder unbewusst. Ästhetische Bildung findet als irgend wie immer statt. Wie sie wirkt und wie gefördert werden kann, erfährst du hier.

Ein Mensch spielt Klavier, die Noten stehen liegen im Notenständer. Ästhetische Bildung

Was ist Ästhetik

Es gibt mehrere unterschiedliche Definitionen von Ästhetik. Hier sind drei:

  • Ästhetik im Alltag
    Im Alltag verstehen wir unter Ästhetik eine geschmackliche Wertung so können Sätze fallen wie: Er trägt ästhetische Kleidung. Sie richtet ihre Wohnung sehr ästhetisch ein. Das Auto sieht ästhetisch aus.
  • Ästhetik in der Wissenschaft
    Die Bedeutung hier steht im Sinne von schön, oder hässlich. Demnach versucht die Wissenschaft zu untersuchen, warum die Mehrheit der Menschen subjektiv etwas als schön oder hässlich empfinden. Also warum ist eine Blume schön und eine Spinne hässlich. Diese Empfindungen sollen dann in mathematisch umgewandelt werden. Dies ist der Versuch die Ästhetik mit den Naturwissenschaften zu erklären.
  • Ästhetik in der Kunst
    Der Begriff Ästhetik geht zurück auf Aisthesis (griechisch): (sinnliche) Wahrnehmung, Empfindung. Es geht also um die Ästhetik der Kunst. Kunst ist ergebnisoffen und unterstützt uns in der Auseinandersetzung mit unserer Welt, da sie uns Emotionen berührt. Wir reagieren auf die Kunst, weil sie unsere Sinne berührt.

Im Folgenden wird der Begriff der Ästhetik in der Kunst verwendet. Auf die Sinne komme ich später noch zurück. Zuerst möchte ich über ästhetische Bildung sprechen.

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest wie du gezielt die Sinne mit Zirkus und Theater ansprechen kannst, findest du hier einen weiteren Artikel.

Buntstifte stecken in einer Box, während ein Kind im Hintergrund etwas malt. Ästhetische Bildung
Photo by Aaron Burden on Unsplash

Ästhetische Bildung

Um eine Auseinandersetzung mit der Welt zu ermöglichen, schaffen wir Räume in denen sich unsere Teilnehmenden der Unterscheidung zwischen der Wirklichkeit und der Realität stellen können. Findet daraufhin eine Verhaltensänderung statt, sprechen wir vom Lernen.

Der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität

Diese Wirklichkeit ist für jede Person unterschiedlich, da jeder Mensch seine Realität für sich selbst macht. Wenn ein Kind zu mir sagt, es musste zur Strafe drei Tage auf der Bank sitzen. Dann ist das sicherlich nicht der Fall, weil die Fachkräfte des Kindergartens das Kind Dreitage dort setzten ließen. In der Wirklichkeit des Kindes war dies aber so. Wir kennen das alle. Zeit kann schnell, oder langsam vorbeigehen und gleichzeitig wissen wir alle, dass der Zeige sich in der Realität immer in derselben Geschwindigkeit bewegt. Meine subjektive Wirklichkeit kann sich von der Realität unterscheiden.

Wir müssen diese subjektiven Wirklichkeiten in Relation setzten, und so unterschiedliche Interpretationen ermöglichen. Um einer Person etwas beizubringen, setzen wir Reize und erschaffen Lernräume. Damit weitet sich die Sicht unserer Teilnehmenden und ermöglichen ihnen ihre Wirklichkeit an die Realität anzupassen.

Der brasilianische Theaterregisseur und Schriftsteller Augusto Boal präsentiert sein Theater der Unterdrückten in der Riverside Church in New York City.

Beispiel für ästhetische Bildung

Augusto Boal (links im Bild in der Riverside Church in New York City) gilt als der Erfinder der Theaterpädagogik. Mit seinem Theater der Unterdrückten stellte er die Wirklichkeit seiner Teilnehmenden infrage. In seinem Buch „Theater der Unterdrückten“ beschreibt er sein Erlebnis in Schweden, wo er eine Migrantengruppe die Aufgabe gab, ihre Situation in Schweden bildlich darzustellen.

Mit ihrer Körperhaltung stellte die Migrantengruppe ein Bild der Verzweiflung dar. Boal bat die schwedischen Teilnehmer ebenfalls auf die Bühne und ein passendes Bild daneben aufzubauen. Sie streckten ihre Arme in Richtung der Migranten und zeigten solidarische Handlungen. Als beide gebeten wurden sich langsam zu nähern, kamen sich die Bilder zwar näher, doch bei keinem Schweden „war der Wille, die Hand der jungen Schwarzen auch wirklich zu ergreifen.“ (Boal 2016, S. 47) zu sehen.

Später berichtete einer der Schweden, dass ihm durch diese Übung bewusst wurde, dass er durchaus den Willen zum Helfen hätte. Boal schreibt hierzu in seinem Buch: „Wenn sein Wunsch wirklich real wäre, hätte er der realen jungen Schwarzen auch real geholfen.“ (ebd., S. 47). Hier wird der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität deutlich und wie dieser mit der Theaterpädagogik verdeutlicht werden kann.

Ästhetisches Lernen

Lernen ist eine Verhaltensänderung aufgrund von Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht habe. Demnach kann niemand gelehrt werden. Teacher teach me, funktioniert nicht! Denn Lernen findet im Raum der Wirklichkeit statt.

Der Mensch nimmt seine Wirklichkeit über seine Sinne wahr.

Wir haben mehrere Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Gleichgewicht, Tasten und der Bewegungssinn (Propriozeption). All diese Sinne machen es überhaupt möglich, dass wir unsere Umwelt wahrnehmen und mit ihr agieren können.

Ästhetische Bildung ermöglicht unseren Teilnehmenden diese Sinne zu schärfen. Es geht darum die eigene Wahrnehmung „bewusst wahr zu nehmen“ und weiterzuentwickeln.

Beispiel:
Ein Kind wirft einen Jonglierball in die Luft und will ihn wieder fangen. Die Sinne müssen den Ball so viel Energie geben, dass dieser in die Luft fliegt, ohne das der Ball zu weit vor oder hinter das Kind fliegt. Eine Fähigkeit, die oft zu Beginn noch geübt werden muss.

Der Mensch erfasst seine Wirklichkeit über Symbole.

Symbole können alles sein. Wie im Beispiel von Augusto Boal kann es sich hierbei um Bilder handeln, die Teilnehmende mit ihrem Körper darstellen. Gleichzeitig kann es auch die Kleidung sein oder auch die Sprache. All dies gilt als Symbol. Und mit diesen Symbolen nimmt der Menschen seine Umwelt wahr und interagiert mit ihr (bspw. Kommunikation). Symbole können eindeutig, oder mehrdeutig sein. Missverständnisse entstehen, wenn diese Symbole falsch gedeutet werden.

Beispiel:
Mit einem Bild können wir uns oft anders ausdrücken, als es uns mit Sprache möglich ist. Aus diesem Grund können Bilder unsere Sicht auf die Welt verändern. Und das oft besser als es mit Sprache möglich wäre.

Der Mensch eignet sich seine Umwelt an, um sich mit seiner Wirklichkeit auseinanderzusetzen.

Mit der Auseinandersetzung seiner Umwelt konstruiert sich der Mensch seine Wirklichkeit. Die Auseinandersetzung im Abgleich zwischen Wirklichkeit und Realität statt. Der Mensch greift in die äußere Realität ein, verändert seine Umwelt und gestaltet sie mit. Bei der inneren Wirklichkeit entwickelt er Fakten- und Deutungswissen. Durch das ausgleichen zwischen Realität und Wirklichkeit gelingt ihm eine erfolgreiche Lebensbewältigung. Dieser Punkt ist für die Persönlichkeitsentwicklung sehr wichtig. Mehr über die Persönlichkeitsentwicklung findest du in diesem Artikel.

Beispiel:
Denken wir das Beispiel oben von Augusto Boal in Schweden weiter. Der Schwede hat im Sinne seiner Wirklichkeit ein Bild erarbeitet. Dabei wurde ihm klar, dass er den Migranten bei dieser Übung nicht geholfen hatte. Zurzeit ist dieser noch im Kampf mit seiner inneren Wirklichkeit, denn er wird sich sicherlich noch weiter fragen, ob er den Migranten wirklich geholfen hätte. Entsprechend wird er sich mit der Realität weiter über dieses Thema befassen und seine innere Haltung zu Migranten einordnen. Also entweder seine Hilfsbereitschaft verändern oder nicht. In beiden Fällen setzt er sich mit sich selbst auseinander. Er wird sich Frage, wie er in Zukunft reagieren möchte, wenn er auf Migranten stoßt.

Das ist Persönlichkeitsentwicklung.

Eine Gruppe von jungen Menschen tanz in einem Saal vor einem Spiegel. Ästhetische Bildung
Photo by Danielle Cerullo on Unsplash

Fazit

Ästhetische Bildung ist immer eine Sinneserfahrung. Sie hilft uns unsere Wirklichkeit zu hinterfragen, in dem wir durch die Sinne lernen die Symbole aus einer anderen Blickrichtung zu betrachten. Durch die „neue“ Sichtweise der Wirklichkeit entsteht ein neuer Blick auf die Realität und es kommt zu Differenzierungserfahrungen. Diese Erfahrung ermöglicht eine Erkenntnis, die wiederum andere Interpretationsmöglichkeiten zulassen. Selbstverständlichkeiten werden infrage gestellt.

Schreibe gerne in die Kommentare, wann hast du dich das letzte Mal geirrt und musstest deine Wirklichkeit ändern.

Bei mir war es in der Migration. Es war mir nicht bewusst, dass Menschen, die auf der Flucht in Europa ankommen, ins Gefängnis gesperrt werden. Bis es mir ein Minderjähriger selbst berichtet hatte.

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